„Die Zeit schreit nach Satire“
Gerd Berghofer rezitiert am Gymnasium Leopoldinum Kurt Tucholsky (03.02.2010)

„Der Vorteil der Klugheit ist, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“ Pointierte Aphorismen wie diese sind es, die einem Kurt Tucholsky auf Anhieb sympathisch machen. Dass das Werk des Autors Tucholsky aber weit mehr umfasst als nur kurze Sinnsprüche, demonstrierte am Mittwochabend eindrucksvoll der aus dem fränkischen Georgensgmünd stammende Gerd Berghofer seiner Zuhörerschaft in der Aula des Gymnasiums Leopoldinum.

Bestens unterhalten lauschten Schüler, deren Eltern und Lehrer, aber auch eine ansehnliche Anzahl Gästen, die nicht zur Schulfamilie gehören, dem Programm des Rezitators, das unter dem Motto „Merkt ihr nischt? Gerd Berghofer liest, spricht und schnauzt Kurt Tucholsky“ stand.

Tatsächlich, das Geschnauze kam nicht zu kurz. Auf packende Weise interpretierte Berghofer im freien Vortrag Gedichte, Auszüge aus Erzählungen, Zeitungskolumnen und Glossen des Berliners Tucholsky, der 1890 geboren wurde und 1935 an den Folgen einer - wahrscheinlich versehentlichen - Alkohol- und Medikamentenvergiftung starb. Genüsslich wurde da die liebe Tante, der nichts recht zu machen ist, ebenso mit Spott überzogen wie die Damen und Herren der besseren Gesellschaft, die sich ob der Frage eines Kindes, wie denn die Löcher in den Käse kommen, unversöhnlich entzweien. Von welch verblüffender Aktualität Tucholsky gerade in den gegenwärtigen Wirtschaftskrisenzeiten ist, bewiesen die vom Rezitator ausgewählten Texte zur Volkswirtschaft und zum Streben der Bankdirektoren nach höheren Weihnachtsgratifikationen. Und dass es sich bei Tucholsky um einen politisch Weitsichtigen handelte, wurde dem Publikum an den Äußerungen des bekennenden Sozialdemokraten über die Nationalsozialisten deutlich. Schon in den frühen 1920er Jahren warnte Tucholsky vor der „Nationalen Mistik“. Die Nationalsozialisten, so Berghofer, waren es auch, die Tucholsky zum Verstummen brachten. Freilich nicht, weil dieser angesichts der Machtübernahme 1933 verstummen wollte, sondern weil ihm schlicht jegliche Möglichkeit genommen wurde, in Deutschland einen Verleger zu finden, der ihn noch drucken wollte oder durfte.

Doch waren es nicht nur die Texte Tucholskys, die das Publikum begeisterten. Gerd Berghofers Vortrag wurde auf kongeniale Weise ergänzt von den virtuosen Einlagen vierer Musiklehrerinnen und Musiklehrer des Gymnasiums Leopoldinum. So facettenreich wie Tucholskys Werk waren auch deren Darbietungen an Klavier, Flöte und Posaune. Passend zu den gesprochenen Texten boten die Virginia Götze, Gunter Janoschka, Florian Bruckmeier und Michael Laumann Improvisationen und freie Variationen bekannter Themen.

 

 

 

 

 

Den fünf Künstlern gelang es damit auf bezaubernde Weise, Literatur und Musik zu vereinen und zum hinreißenden Kunstgenuss werden zu lassen.